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GHVS Kopf

Die schlafende Stadt     Bengalen

In einem Lande lebte ein Prinz, der Sohn eines Maharadschas. Er war schön, er war tugendhaft. Das Volk wurde nicht müde, über ihn zu sprechen und ihn zu bewundern.
Als er herangewachsen war, wünschte er sich sehnlichst fremde Länder kennen zu lernen und zu reisen.
Seine Mutter, die Rani, grämte sich, im Volk hatte alle Fröhlichkeit ein Ende, aber der Maharadscha entschied: Lasst ihn ziehen!
Der Prinz zog ein neues Gewand an, nahm ein neues Schwert, schickte alle Diener
wieder zurück und nahm Abschied.
Er zog dahin, fort und immer fort, überquerte Flüsse, stieg über Berge, durchstreifte ganze Länder. Königreich auf Königreich durchzog er so, bis er in einen dichten Wald gelangte.  Hier war es totenstill. Kein Vogelruf, kein Tierlaut war zu hören.
Der Prinz schritt weiter, und mitten im Wald stieß er auf etwas Seltsames.
Er stand vor einem Palast, einem Palast mit riesigen Toren, die Torpfeiler berührten den Himmel! Doch keine Wachen standen davor, keine Trommeln wurden geschlagen. Stille. Langsam schritt der Prinz vorwärts, trat in den Palasthof.
Der war so sauber, als wäre er mit Milch ausgewaschen.Tiefes Schweigen lag über dem ganzen Palast, nirgendwo raschelte ein Blatt oder ein Strohhalm.
Der Prinz schaute sich um, und plötzlich erschrak er: Da sah er Elefanten, Pferde, Soldaten, Diener – und alle waren starr wie Stein, ja, sie waren aus Stein!
Der Prinz rief sie an, grüßte sie --- niemand sprach ein Wort, niemand sah ihn an.

Vorsichtig betrat der Prinz den Palast und ging von Raum zu Raum.
Was es da zu sehen gab: - Waffen, Lampen mit Juwelen besetzt, Wächter in prachtvoller Uniform, und im Thronsaal der Maharadscha in seiner Pracht, um ihn herum die Minister und der ganze Hofstaat – in Stein verwandelt. Es war trostlos.
Der Prinz ging weiter, da brannten Hunderte von Kerzen, ihr Licht spiegelte sich in kostbaren Steinen, Diamanten und Rubinen. Er rührte nichts an, denn ein Duft wehte zu ihm herüber aus dem nächsten Raum – ein Duft von unzähligen Lotosblüten. Da war eine Blumenlaube und darin ein Bett aus reinstem Gold. Auf diesem Blumenbett lag ein Mädchen von ungewöhnlicher Schönheit in tiefstem Schlaf. Der Prinz sah nur ihr Gesicht, ihr Körper war bedeckt von goldenen Lotosblüten.
Er lehnte sich an einen Bettpfosten und schaute, schaute. Jahre schienen zu vergehen. Die Prinzessin erwachte nicht. Der Prinz aber wird nicht müde sie anzuschauen – ihren schön geschwungenen Mund, ihre geschlossenen Augenlider, ihre Locken –Da sieht er nahe ihrem Kopf einen goldenen Stab – er beugt sich

vor, nimmt ihn auf und schwenkt in der Hand. Und da ist noch ein Stab – ein silberner – wie seltsam! Er hält die Stäbe in den Händen, dreht und schüttelt sie, hin und her, hin und her. Dabei berührt der goldene Stab den Kopf der schlafenden Prinzessin.
Das Lager erzittert, die goldenen Blütenblätter zerfallen zu Staub und die Prinzessin regt sich! Sie hebt den Kopf mit den schönen Locken, schaut mit großen Augen um sich.

Im gleichen Augenblick erklingen Rufe, Pferde wiehern, Elefanten trompeten,
Waffen klirren. Der Maharadscha erwacht inmitten seines Hofstaats.
Alles, was Stein war, regt sich nun und staunt. Wer ist in den Palast gekommen?
Auch der Maharadscha selbst kommt daher und tritt auf den jungen Mann zu.
Er verneigt sich.
 - Du hast uns alle vom Todesschlaf erlöst!
-Ein Riese hatte unser blühendes goldenes Land mit einem Silberstab berührt und uns in Schlaf versetzt. Du hast uns aufgeweckt.
-Aus welchem Lande kommst du, du Sohn eines glücklichen Herrschers?
Der Prinz beugt sein Haupt. Er kann nichts sagen.
Der Maharadscha legt seine Hand auf seine Schulter:
-Was besitze ich? Was kann ich dir geben? Ich gebe dir diese Prinzessin zur Frau und mein Reich dazu.
Blumen regnen hernieder, Duft von Sandelholz erfüllt die Luft, Freudenrufe erschallen. Unter großem Jubel wurde die Hochzeit und Krönung vollzogen.

Die Eltern des jungen Mannes aber hatten Jahr um Jahr gewartet. Er kehrte nicht heim. Die Mutter klagte, weinte, mochte nicht mehr von ihrem Bett aufstehen.
Der Vater dachte nach, sann und überlegte, bis auch er nur noch weinen konnte,
ihre Augen wurden blind. - Das ganze Reich war in Dunkel gehüllt.

Doch eines Morgens hört man Trommeln erschallen und die Tore widerhallen vom Wiehern der Pferde und dem Stampfen der Elefanten. Die Wachen und Soldaten rufen sich etwas zu.
Die Rani und der Maharadscha fragen gleichzeitig: Was ist das? Wer ist das?
Die Diener laufen herbei: Der Prinz kommt! Er kommt zurück! Er ist am Leben!
Die Eltern umarmen ihren verlorenen Sohn. Der aber berührt ihre Augen mit dem goldenen Stab, da können sie ihn sehen, ihn und seine schöne Frau.
Sie sind glücklich.
Von da an lebten sie in großer Zufriedenheit.



Quelle: Bengalische Märchen, Insel und Nacherzählung von Gertrud Hempel
            
 

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